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Emilio Vedova

Bilder, Gouachen, Grafik18. September bis Anfang November 2004

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Jahre 1992 bin ich dem Maler Emilio Vedova auf der Biennale in Venedig begegnet, und ich muss sagen, dass diese Begegnung sehr eindrucksvoll war. Handelte es sich doch bei diesem Künstler um eine beachtliche Gestalt von fast zwei Metern Größe, schwarzhaarig, mit wallendem schwarzem Bart, breiten Schultern und ausladenden Gesten. Er war und ist eine eindrucksvolle Erscheinung.

Aus den fünfziger Jahren, als dem heute weltbekannten Künstler der Durchbruch noch fern lag, ist eine köstliche Geschichte überliefert. Mittellos wie er war, pflegte er, um Kleider- oder zumindest Reinigungskosten zu sparen, unbekleidet an die Arbeit zu gehen. Ein Gerichtsvollzieher hörte auf sein Klopfen an die Ateliertür die Frage,


ob ein Mann draussen stehe. Auf das Bejahen öffnete sich die Tür und vor dem armen Mann stand ein Riese mit schwarzen Haaren, stechenden Augen, nackt und von oben bis unten mit Rot, Gelb, Blau und Schwarz bespritzt.
"Il Diavolo, il Diavolo!"schreit der Mann und stürzt die Treppe hinunter. Goldoni hätte es nicht besser erfinden können.

In Goldonis Stadt Venedig ist der heute 85jährige, am 9. August 1919 als drittes von sieben Kindern einer Handwerker- und Arbeiterfamilie geboren. Schon mit 11 Jahren arbeitet er als Gehilfe in einer Fabrik, will Maler werden, aber die Kosten der Ausbildung kann die Familie nicht tragen. So schlägt er sich von einer Aushilfsarbeit zur anderen durch, wandert von Venedig nach Florenz, nach Rom und wieder zurück. Seine frühen Zeichnungen, noch gegenständlich, finden aber große Bewunderung, vor allem Architekturzeichnungen von Venezianer Kirchen.

Der italienische Futurismus ist seine erste Inspirationsquelle. Er lernt den Südtiroler Herrmann Pircher kennen, der ihn zur deutschen Romantik führt und zum Expressionismus. "Ich lebte aus seiner Wirklichkeit" schreibt Vedova, und: "Von jener Romantik glaube ich mehr als nur eine Ahnung im Blute zu haben".

Im faschistischen Italien findet er immer weniger Anklang, zu groß ist seine unverhohlene Kritik. Er zeigt, wie es offiziell heißt, "zersetzende" Zeichnungen. Aber es gelingt ihm, für militäruntauglich erklärt zu werden. Das aus reiner Opposition, denn als mit Mussolinis Sturz 1943 die Deutschen die Macht übernehmen, meldet er sich ohne Zögern bei den Partisanen und kämpft mit Verwundung bis 1945 in den Friauler Bergen.

Nach dem Krieg erlebt er bemerkenswerte Erfolge. Seine informelle Malerei, dem italienischen Futurismus ebenso verpflichtet wie dem abstrakten Expressionismus, wird 1948 auf der ersten Nachkriegsbiennale, der 24sten, gezeigt, auch in den beiden folgenden Jahren, dann von 1956 bis 1992 weitere acht Mal! Das liegt aber nicht am Heimvorteil des Venezianers, denn auch auf der Kasseler documenta stellt er hintereinander dreimal aus, um dann 1982 erneut von Rudi Fuchs und Johannes Gachnang vorgestellt zu werden, im gleichen Jahr einer Präsentation auf der Biennale. Mir ist kein Künstler bekannt, der so oft, insgesamt 15 mal, auf diesen beiden bedeutendsten Ausstellungen präsent war.

Er ist ohne Frage der wichtigste italienische Vertreter der Informellen Malerei. Seine weit ausholdenden gestischen Bewegungen bringen ihn in deutliche Analogie zum Action Painting der Amerikaner. Aber auch deutliche Spuren der alten italienischen, speziell venezianischen Malerei sind zu spüren. Von Beginn an waren Anregungen durch Tintoretto zu bemerken. Die "Carceri" von Piranesi sind sind nicht nur in den Architekturzeichungen der dreißiger Jahre sondern auch in den abstrakten Arbeiten der Reifezeit präsent.

Interessant ist ein Bericht darüber, dass Vedova aus den alten Zeichnungen der Vorkriegszeit mittels einer Schablone Ausschnitte wählte, die in ihrer Abstraktion deutliche Übereinstimmungen der Handschrift und des optischen Eindrucks in den informellen Arbeiten hatten. So wie auch seine abstrakten Zeichnungen oder Grafiken durch die schwarzen Verschränkungen und Einspannungen eine klare Verwandtschaft zu den Gittern und Absperrungen der Carceri haben. Aus der Abbildung der Einladungskarte (siehe Abb. oben: o.T. 5, 1984, Malerei auf Leinwand, 150 x 100 cm) geht deutlich hervor, was gemeint ist.

Im Jahre 1959 zeigen sich in der Arbeit von Vedova erste Anzeichen, die zu einer folgenreichen Entwicklung für ihn werden. Im Palazzo Grassi in Venedig zeigt er auf der internationalen Ausstellung "Vitalitá nell'Arte" seinen ersten Aktionsraum in Schwarz, bei dem L-förmige Leinwände, also stehend und liegend zugleich, bei wechselndem Lichteinfall einen begehbaren Raum umschliessen. Im gleichen Jahr har er einen eigenen Raum auf der documenta.

Zwei Jahre später arbeitet er mit Luigi Nono zusammen, zu dessen Oper "Intolleranza" er mit bemalten Platten und beweglichen Lichtquellen ständig wechselnde Hintergrundeindrücke schafft. Luigi Nono widmet ihm im selben Jahr seine erste Komposition mit dem Titel "Hommage à Emilio Vedova".

Weiter zwei Jahre darauf wird der Künstler von Werner Haftmann als Ford-Stipendiat nach Berlin eingeladen. Er folgt dieser Einladung von Ende 1963 bis Mitte 1965 und es entsteht ein Werk, das seitdem als Hauptwerk im Schaffen Vedovas bezeichnet wird. Zunächst ist der Eindruck Berlins für den aus der heilen Welt Venedigs kommenden Maler ein Kulturschock. Zwar hat er schon 1957 und '59 bei der Galerie Springer ausgestellt, aber die Übersiedlung aus der kulturgesättigten Lagunenstadt in die zerstörte, noch wüste, eingemauerte Halbstadt ist eine Konfrontation, aus der der sensible Künstler, der den "Zusammenprall widersprüchlicher Situationen" erlebt, nicht nur die Absurditäten des festgefahrenen Kalten Krieges täglich spürt, sondern auch kraftvolle Anregungen zieht.

Zunächst wird Vedova in der Akademie der Künste am Hanseatenweg untergebracht. Aber das Atelier ist ihm für seine geplante Arbeit viel zu klein. Nach längerer Suche findet sich ein Raum, wie er eigenartiger für einen Antifaschisten und Widerstandskämpfer kaum sein könnte. Es ist das von Hitlers Architekten Speer für den regimenahen Bildhauer Arno Breker geschaffene Atelier am Käzchensteig im Grunewald - oder "Grünewald" wie Vedova, der Verehrer des Isenheimer Altars einmal versehentlich schreibt.

Genau diese Spurensuche wünscht Emilio Vedova. Für ihn ist Berlin einmal die Stadt des Bösen, der Nationalsozialisten, dann aber auch die Stadt, die am meisten unter der selbstverschuldeten Misere zu leiden hat, und schließlich die Stadt genialer Entwicklungen von Max Beckmann über Otto Dix und George Grosz bis hin zum Dadaismus, der von ihm genannten Anregungen. In dieser Stadt schafft er eines seiner wichtigsten Werke, wenn nicht sein Hauptwerk, das "Absurde Berliner Tagebuch".

Es handelt sich um eine Malerei, die auf verschiedenen und unterschiedlich geformten Malgrunden angebracht ist, wobei mehrere Teilstücke jeweils miteinander verbunden und durch Scharniere einzeln zu bewegen sind. Sieben einzelne Teile, jeweils bestehend aus mehreren Flügeln, bilden ein Raumganzes, heute als "Environment" bezeichnet, durch das hindurchgegangen werden kann. Einzelne Teile, die jeweils "Plurimi" bezeichnet werden, auf deutsch etwa "Mehrteilige", stehen auf dem Boden, sind an der Wand befestigt oder hängen von der Decke herab.

Die Bemalung der einzelnen Flächen ist von gleicher Art wie alle seine kraftvollen, gestischen und starkfarbigen Leinwände. Hier aber kommt eine raumgreifende Bewegung dazu, die im Prinzip schon in den herkömmlichen Bildern angelegt ist, durch das ins Plastische gehende jedoch eine deutliche Expressionssteigerung erhält.

Vedova schreibt später, dass das Berlin-Erlebnis an dieser Steigerung einen grossen Anteil hatte, so in einem Brief vom November 1993 an Jörn Merkert: "Mir ist bewusst geworden, wie sehr das Erlebnis Berlin, ... besonders 1963/65!; aber auch die folgenden, fast alle Jahre ... wie sehr das Berliner Erlebnis/die Erfahrung Berlin mich gezeichnet haben" und "Nur dort - in Berlin - sonst nirgends auf der Welt - habe ich gearbeitet, geliebt und gehasst, gelitten ... wie in Venedig". Es ist ein Brief in der Expressivität seiner Grafiken: Hervorhebungen und Interpunktionen folgen weniger der Orthographie als seinem Temperament. Schon früher bekannte er: "Ich mag seit langem die Menschen hier. Sie sind lebendiger als anderswo, ironisch, kritisch, wach. Man merkt es im Kino an der selbstbewussten Reaktion und merkt es auf der Strasse..."

Jörn Merkert, der Direktor unserer Berlinischen Galerie, würdigt diese Arbeit aus kunsthistorischer Sicht: "Mit der Bildform der Plurimi, dieser zugleich provozierenden wie in schutzloser Sensibilität sich vortastenden ästhetischen Artikulation von Farbe und Bewegung im Raum lässt Vedova radikal alle Regeln und Gesetzlichkeiten der traditionellen Malerei hinter sich, ohne die Malerie selbst zu missachten. Er eröffnet ihr zugleich völlig ungekannte Möglichkeiten. In Berlin aber erfährt dieser mit den Mitteln der Malerei 'verzauberte Ausdrucksraum' noch einmal eine kaum vorstellbar scheinende Steigerung. Denn in Berlin findet ein zusätzlicher 'Anprall widersprüchlicher Situationen' statt. Hier, am artifiziellen Ort der Weltkonflikte, bricht die Realität ein."

Warum spreche ich über das "Absurde Berliner Tagebuch" und nicht über die hier gezeigten Arbeiten? Die Frage ist auf zwei Arten zu beantworten. Zum Einen durch ein Zitat des Berliner Altersgenossen und Wegbegleiters Fred Thieler: "Warum Worte über Bilder, schaut doch hin", das will sagen, gedankliche Hintergründe zur Arbeit des Künstlers und Worte über seine Erfolge und seine Bedeutung sind nötig und wichtig, nicht aber direkte Beschreibungen zu den ausgestellten Arbeiten. Zum Anderen dadurch dass es sich bei dieser Assemblage von sieben Plurimi nicht nur um ein - oder das - Hauptwerk des Künstlers handelt, sondern, dass diese Arbeit, in Berlin entstanden und in der ganzen Welt gezeigt, seit zwei Jahren stolzer Besitz der Berlinischen Galerie ist. Emilio Vedova hat das Werk im Jahre 2002 als Geschenk hergegeben, und in gut vier Wochen, am 22. Oktober, wird es zur Eröffnung dieser Galerie in einem eigens abgeteilten Raum hervorgehoben präsentiert.

In der ganzen Welt gezeigt, habe ich gesagt. Bisher wurde 26mal das gesamte "Absurde Berliner Tagebuch" gezeigt, oder zumindest Teile davon. Die Liste liest sich wie ein "who is who" internationaler Ausstellungen und Museen. Gleich nach der Entstehung 1964 auf der III. documenta ein eigener Raum. Später die 38. Biennale, das Museo Correr in Venedig, der Palazzo Real in Madrid, die Staatsgalerie moderner Kunst in München, das MoMA in New York, sein Namensvetter in San Francisco, die Reina Sofia in Madrid, nochmals die Biennale, die 44., das Guggenheim in New York, das Castello Rivoli in Turin und nun die Berlinische Galerie in unserer Stadt. Das war aber nur die kleinere Hälfte, die der prominenteren Ausstellungsorte.

Genießen Sie die hier gezeigten Arbeiten eines der bedeutendsten italienischen Künstler der Nachkriegszeit und stimmen Sie sich ein in die bald mögliche Vertiefung der Arbeit, zu der ich hoffe, Ihnen einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Hartmut Ackermeier
Rede zur Eröffnung der Ausstellung

Last update: 7.12.2006